Du stehst auf Bordeaux, willst aber keine Unsummen für deinen Trinkspaß ausgeben? Da habe ich etwas für dich. 

Einen Wein aus der kleinen und ziemlich unbekannten Appellation Fronsac am rechten Ufer der Dordogne. Nebenan liegt Pomerol, eine ebenso kleine, aber viel berühmtere Appellation, die einige der dichtesten, sinnlichsten und teuersten Rotweine der Welt hervorbringt. 

Fronsac vs. Pomerol 

Zum Beispiel Pétrus, der im deutschen Weinhandel aus guten bis hervorragenden Jahrgängen ab etwa 5.000 Euro kostet. 

Meine Empfehlung hingegen heißt La Communion und kostet keine 16 Euro. 

Beide Weine — Pétrus und La Communion — werden aus Merlottrauben hergestellt und stammen von Reben, die auf lehmgeprägten Böden wachsen, nur wenige Kilometer voneinander entfernt. 

Und beide Weine sind auf ihre Weise: gut. 

Was erklärt dann den gigantischen Preisunterschied? Darauf gibt es zwei Antworten. 

Die eine kommt aus Geologie, Biologie und Ökonomie. Die andere aus Psychologie und Mythenforschung. 

Geologie, Biologie, Ökonomie 

Merlot ist eine früh austreibende und früh reifende Rebsorte. Auf fruchtbaren, gut mit Wasser versorgten Böden neigt sie zu starkem Wachstum, großen Beeren und hohen Erträgen. Das kann zu dünnen, wenig konzentrierten Weinen führen. 

Deshalb ist es günstig, wenn Reben während der Reifezeit unter einem gewissen Wasser- und Nährstoffstress stehen. Das gilt nicht nur für Merlot, sondern auch für alle anderen Rebsorten. 

Ja, Stress. Auf den schweren Tonböden des berühmten Plateaus von Pomerol ist das der Fall. Und ganz besonders auf einem kleinen Teil davon. 

Auf dem Plateau findet man Kies, Sand und Ton in komplizierten Schichtungen. Der Kies sorgt für Drainage, während der Ton Wasser speichern kann. Die Wurzeln wachsen durch die oberen, besser belüfteten Schichten und erreichen schließlich die wasserhaltenden Tonhorizonte darunter. 

Das magische Fenster 

Innerhalb dieses Plateaus befindet sich noch eine weitere, wesentlich kleinere geologische Besonderheit: eine Art Tonfenster, auf Französisch boutonnière [Knopfloch] genannt, mit dem berühmten blauen Ton von Pomerol. 

Dieser ganz spezielle Ton besitzt einen hohen Anteil quellfähiger Tonminerale, insbesondere Smektite, die große Mengen Wasser aufnehmen und stark binden können. Mehr als im Rest des Plateaus. 

Zu Beginn der Vegetationsperiode erwärmt sich der Boden. Die Reben wachsen zunächst kräftig. Mit zunehmender Trockenheit verbrauchen sie das Wasser der oberen Bodenschichten. Dann werden die Reserven weiter unten angezapft. Jetzt beginnt der Zauber. 

Energiemanagement von Reben 

Denn die Wurzeln entziehen dem Ton nur langsam sein Wasser, weil er es so stark bindet. Deshalb verschlechtert sich die Wasserversorgung allmählich und nicht abrupt. 

Damit kann die Rebe leben, sie passt sich an. Das Wachstum der Triebe verlangsamt sich, die Beeren bleiben kleiner, und ein größerer Anteil der Energie aus der Photosynthese fließt in die Traubenreifung statt in weiteres Blätterwachstum. 

Das ergibt — stark verkürzt zusammengefasst — die außergewöhnlich konzentrierten Säfte der großen Weine aus Pomerol. 

Im Zentrum des magischen Tonfensters liegt Château Pétrus mit seinen 11,5 Hektar Rebland. Ähnliche geologische Bedingungen finden sich auch in Teilen der Weinberge von Vieux Château Certan, L’Évangile, La Conseillante und Gazin. 

Weshalb so irre teuer? 

Die atemberaubende Konzentration und Dichte eines 5.000-Euro-Pétrus hat mein La Communion für 16 Euro natürlich nicht, denn seine Trauben wuchsen auf Böden, wie sie im Großgebiet Saint-Émilion und darüber hinaus weit verbreitet sind: Kalkstein, kalkhaltiger Ton und Mergel. 

Das findet sich in vielen anderen Weinbaugebieten der Welt und prägt Weinstile, die nicht so überraschend sind. Knappe Verfügbarkeit? Nope. Und solange der Produktionsfaktor Natur ohne Grenzen liefert, wird es auch so bleiben. 

Nun zur zweiten Antwort auf die Frage nach der atemberaubenden Preisbildung von Pétrus — im Vergleich zum viel günstigeren La Communion, den der Captain aus voller Überzeugung empfiehlt. 

Château Pétrus war bis ins frühe 20. Jahrhundert ein angesehenes Weingut in Pomerol, aber keineswegs jener alles überragende Mythos, der es heute ist. 

Der unaufhaltsame Aufstieg 

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Pétrus durch den Händler Jean-Pierre Moueix international vermarktet und insbesondere in den USA zum Kultwein. Prominente Kunden wie das Präsidentenpaar Kennedy verstärkten den Mythos. 

Ab den 1980er-Jahren beschleunigten Robert Parker, der amerikanische Sammlermarkt und die Globalisierung des Weinhandels die Preisentwicklung dramatisch. 

Die winzige Produktion von rund 30.000 Flaschen jährlich (auch ein kleines Moselweingut schafft das) traf auf die Nachfrage von immer mehr Millionären, Sammlern und Spekulanten aus der ganzen Welt. 

Anfang der 1980er-Jahre kostete eine Flasche Pétrus im Handel etwa 50 bis 100 Dollar — sagen wir 75 Dollar. Das war viel Geld. Aber Pétrus bewegte sich preislich noch in derselben Sphäre wie andere große Weine. 

312-mal besser als La Commune? 

Heute kostet dieselbe Flasche das 70-Fache. Die allgemeinen Verbraucherpreise haben sich im selben Zeitraum jedoch nur vervierfacht. Wäre Pétrus lediglich mit der Inflation teurer geworden, müsste die Flasche heute 300 Dollar kosten. Sie kostet aber 5.000. 

Fazit: Der Boden von Pétrus war derselbe, als der Wein noch einen Bruchteil der heutigen Preise kostete. Nicht das Terroir wurde wertvoller, sondern die Geschichte, die Marke und das Sozialprestige, das der Besitz dieser Flasche vermittelt. 

Und schmeckt Pétrus wirklich 312-mal besser als La Commune? Sicher nicht. 

Merke: Der Preis eines Weines misst nicht, wie gut er schmeckt. Er misst, wie viele Menschen ihn besitzen wollen — und wie wenige ihn besitzen können.